Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus bei Alkoholsucht

Entscheidung des Bundesgerichtshofs

In seinem Beschluss vom 9. Juni 2010 in dem Verfahren 2 StR 201/10 hat der Bundesgerichtshof die Entscheidung des Landgerichts Frankfurt insoweit mit den Feststellungen aufgehoben, soweit eine Entscheidung über die Unterbringung des Verurteilten in einem psychiatrischen Krankenhaus unterblieben ist.

Diesbezüglich hat der der BGH u.a. folgendes ausgeführt:

[...] Das Landgericht hat sachverständig beraten festgestellt, dass bei dem Angeklagten eine ausgeprägte dissoziale Fehlentwicklung sowie daraus resultierend eine Alkoholabhängigkeit vorliege. Aufgrund einer akuten Alkoholintoxikation sei der Angeklagte bei Begehung der hier abgeurteilten Taten in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt gewesen im Sinne des § 21 StGB [...]. Dessen Unterbringung in einer Entziehungsanstalt gemäß § 64 StGB komme jedoch u.a. deshalb nicht in Betracht, weil Hauptursache der Kriminalität nicht die Alkoholabhängigkeit sondern die Dissozialität des Angeklagten sei, die durch Alkohol und Drogen verstärkt werde. Diese ausgeprägte – allerdings nicht krankhafte – Dissozialität sei primär und in erster Linie für die Begehung der Straftaten ursächlich (UA 54).
b) Der Generalbundesanwalt hat in seiner Antragsschrift dazu ausgeführt:
“Durchgreifenden rechtlichen Bedenken begegnet allerdings, dass sich das Landgericht mit der Anordnung einer Unterbringung des Angeklagten in einem psychiatrischen Krankenhaus nicht befasst hat. Das Landgericht hat sich
mit dieser Maßregel ersichtlich deshalb nicht auseinandergesetzt, weil die für die verfahrensgegenständlichen Taten angenommene erheblich verminderte Schuldfähigkeit (§ 21 StGB) jeweils durch die hochgradige Tatzeitalkoholisierung des Angeklagten bewirkt wurde. Dies schloss eine Unterbringung des Angeklagten in einem psychiatrischen Krankenhaus nach § 63 StGB indes noch nicht von vorneherein aus. Zwar kommt die Anwendung des § 63 StGB nur bei Personen in Betracht, deren Schuldunfähigkeit oder erheblich verminderte Schuldfähigkeit durch einen länger andauernden und nicht nur vorübergehenden Zustand im Sinne der §§ 20, 21 StGB hervorgerufen ist (BGHSt 34, 22, 27).
In Fällen, in denen die Verminderung der Schuldfähigkeit letztlich auf Alkoholgenuss zurückzuführen ist, kann § 63 StGB aber ausnahmsweise angewendet werden, wenn der Täter an einer krankhaften Alkoholsucht leidet oder in krankhafter Weise alkoholüberempfindlich ist (BGHSt 34, 313, 314; BGHR StGB § 63 Zustand 9)….

Anlass zur Prüfung geben die Ausführungen des Sachverständigen zur dissozialen Fehlentwicklung des Angeklagten. Danach steht die Dissozialität des Angeklagten für die Delinquenz des Angeklagten zwar im Vordergrund (UA S. 40); sie ist in erster Linie für die Straftaten des Angeklagten ursächlich (UA S. 54). Nach den Ausführungen des gehörten Sachverständigen hat der Angeklagte aufgrund seiner dissozialen Fehlentwicklung und der damit einhergehenden Haltschwäche aber immer wieder einmal zum überbordenden Konsum psychotroper Substanzen geneigt (UA S. 40/42); aufgrund der dissozialen Entwicklung habe sich beim Angeklagten ein regelwidriger Umgang mit Alkohol sekundär realisiert (UA S. 40). Diese Feststellungen legen nahe, dass die dissoziale Fehlentwicklung des Angeklagten nicht nur für die Straftaten, sondern auch für den Alkoholkonsum des Angeklagten ursächlich ist und diese dazu geführt hat, dass er die abgeurteilten Straftaten im Zustand alkoholbedingter erheblich verminderter Schuldfähigkeit beging. Die weiteren Ausführungen des gehörten Sachverständigen, wonach der Angeklagte im Zustand des Alkoholrausches zu aggressiver Enthemmung neige (UA S. 54), bestätigen dies. Anhaltspunkte dafür ergeben sich zudem aus den Anlasstaten und den Vorverurteilungen des Angeklagten vom 20. November 2007 und vom 4. August 2008
(UA S. 12/13); zu den Tatzeitpunkten war der Angeklagte jeweils erheblich alkoholisiert….
Die Prüfung des Vorliegens der Voraussetzungen einer die Unterbringung des Angeklagten in einem psychiatrischen Krankenhaus rechtfertigenden krankhaften Alkoholsucht war auch nicht etwa deshalb entbehrlich, weil das Landgericht – dem Sachverständigen folgend – die “Persönlichkeitsbesonderheit der Dissozialität” des Angeklagten als bloße “Fehlentwicklung” (UA S. 40), nicht aber als Krankheit gewertet hat (UA S. 42). Auch wenn diese Persönlichkeitsstruktur des Angeklagten in ihrer Ausprägung noch nicht den Grad erreicht hat, der bereits für sich genommen zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit geführt hat und die vom Landgericht angenommene Verminderung der Steuerungsfähigkeit des Angeklagten letztlich erst durch seine jeweils
aktuelle Alkoholintoxikation herbeigeführt worden ist, kann darin nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes ein Zustand gesehen werden, der die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus zu rechtfertigen vermag (BGHSt 44, 338; BGH NStZ-RR 2007, 138).”
c) Dem folgt der Senat, weil nicht sicher auszuschließen ist, dass die Strafkammer nach sachverständiger Beratung bei Prüfung der Voraussetzungen des § 63 StGB die Unterbringung des Angeklagten in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet hätte. Das Verschlechterungsverbot des § 358 Abs. 2 StPO steht nicht entgegen.

Die Entscheidung kann hier auf den Seiten des BGH im Volltext abgerufen werden.

Kommentare

  1. meint

    Zuerst muss geklärt sein, inwieweit die Alkoholkrankheit ursächlich für die Taten ist. Wohlgemerkt: Tat(en!)
    Ich war ein 47 jähriger OHNE irgend-eine kriminelle Vorgeschichte. Das schließt die §§ 63 und 64 StGB von vornherein aus. Eine Kriminalprognose ist nicht zu erstellen. Eine Sozialprognose reicht für eine Einweisung NICHT.
    Es kann also, bei einem Ersttäter, NICHT von einem “Hang” gesprochen werden – weder von einem Hang zu kriminellen Taten, noch von einem Hang zur vorsätzlichen Intoxikation. Was nicht geahndet ist, hat keine Akte. Was keine Akte hat – ist nicht auf der Welt! Fertig!
    Darüberhinaus ist auch nicht über schuldfähigkeit zu diskutieren. Bei
    (m)einer erwiesenen Verteidigungshandlung.
    Es war nichts anderes. Ich war von einem xx-vorbestraften, 95 kilo Frustschläger innerhalb von 20 Stunden zum vierten mal angegriffen worden. Dass ich dabei 2.4 Promille hatte war eher Zufall und hat mit dem (4.) Angriff nix zu tun. Mit meinem Überlebensinstinkt auch nicht.

  2. meint

    Dankedanke, für die BGH-Texte/Entscheid.
    Für einen Alkoholiker sicherlich wertvoll.
    Erstens, bin ich kein Alkoholiker und Zweitens, war Alkohol nicht ursächlich für die Tat. Um diesen Beweis zu führen, hätte ich eine alkoholkriminelle Vorgeschichte haben MÜSSEN. Mit meinem Gamma-GT von ’51′, aus einem Referenzbereich von bis zu 66, ist auch der Beweis zum Alkoholismus nicht zu führen.
    Meine Unterbringung war ebenso verfassungswidrig, wie das in der Fehldiagnose begründete Urteil!
    Lesen Sie auf der HP:
    Antrag auf Aufhebung d. Führungsaufsicht.
    Übrigens: Ich habe die 5.,6. und 7. Auflage von “Maßregelvollzug”
    von Ri Bernd Volckart und Volckart/Grünebaum, hier vorliegen.
    Trotzdem, Danke!

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